21

Okt

Die grosse Frage

Welche Schule ist die Richtige für mein Kind?

Wie hier und hier von mir berichtet, haben wir Erfahrungen mit einer Regelschule gemacht, die ich keinem Kind wünsche. Leider hört man immer mehr ähnliche Erfahrungsberichte von verzweifelten Eltern, denen aber leider keine andere Möglichkeit bleibt, als das durchzustehen. Wir hier in Bielefeld haben das große Glück, daß es die Laborschule gibt.

Am Mittwoch fand an der Laborschule ein Informationsabend für interessierte Eltern statt. Ich wäre eigentlich lieber Zuhause geblieben um “Desperate Housewives” nicht zu verpassen, und für mich steht eh schon länger fest,  daß Matilda die Laborschule besuchen soll, aber ich habe mir dennoch angehört, was die Laborschule zu einer besonderen Schule macht.

Die Laborschule möchte ein Ort sein, wo Kinder und  Jugendliche gern leben und lernen. Sie möchte ihnen wichtige Grunderfahrungen ermöglichen, die viele von ihnen sonst nicht machen könnten. Leben und Lernen sollen, soweit dies möglich und sinnvoll ist, eng aufeinander bezogen sein. Der Unterricht folgt dem Prinzip, Lernen an und aus der Erfahrung (und nicht primär aus Belehrung) zu ermöglichen. Prof. Dr. S. Thurn hat das so ausgedrückt, daß das kleine Bullerbü-Mädchen, das in einer liebevollen und geborgenen Umgebung aufgewachsen ist und vielleicht schon mit 5 Jahren lesen und schreiben kann, und der kleine Junge, der mehr oder weniger auf sich allein gestellt ist, dessen Stärken im Bäumeklettern, Skaten oder anderen Dingen liegt, die viel Mut benötigen, voneinander lernen können. Der kleine Junge bestärkt das Mädchen darin, sich auch mal auf einen Baum zu trauen, während das Mädchen dem Jungen vielleicht mal erklärt, wie man eine mathematische Aufgabe löst. Denn Kinder lernen mehr von anderen Kindern, als von den Erwachsenen. Das habe ich im Sommer selber feststellen müssen, als die sonst so wasserscheue Matilda, angespornt durch ihre Freundin Maya, ohne Überlegung ins Wasser rannte und Tauchübungen machte.

Die Schule versteht sich zugleich als Gemeinschaft aller in ihr tätigen Personen, die einander in ihrer Unterschiedlichkeit akzeptieren und achten. Die Verhaltensweisen, die von erwachsenen BürgerInnen unserer Gesellschaft erwartet werden, sollen hier im Alltag gelernt werden: das friedliche und vernünftige Regeln gemeinsamer Angelegenheiten. Solches Lernen geschieht durch Verantwortung und Beteiligung. In dieser “Gesellschaft im Kleinen” lernen die Einzelnen, für übernommene Aufgaben und zunehmend auch für den eigenen Lernweg verantwortlich einzustehen.  Kürzlich haben einige kleine Schüler an die Schüler des Jahrgangs 10 einen Brief geschrieben, in dem sie darum baten, auch einmal den Basketballplatz benutzen zu dürfen, der von den Grossen immer in Beschlag genommen wird. Sie erwarten freudig die Rückantwort.

Die Schule will die Unterschiede zwischen den Kindern bewusst bejahen und als Bereicherung verstehen. Daraus ergibt sich eine weitgehende Individualisierung des Unterrichts, die Rücksicht auf das unterschiedliche Lerntempo der Kinder und ihre individuell verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten nimmt. LaborschülerInnen leben und lernen gemeinsam in leistungs-, teilweise auch altersheterogenen Gruppen. Die Schule will niemanden aussondern, es gibt auch kein “Sitzenbleiben” und keine äußere Leistungsdifferenzierung, an deren Stelle die Differenzierung der Angebote tritt. Jedes Kind wird individuell betrachtet. Die Schule fordert das Höchstmögliche eines jeden Schülers. Das heisst, daß ein eher lernschwaches Kind, das sich immer Mühe gibt, viel lernt, und dennoch viele Fehler macht, für seine Leistung gelobt wird. Es soll nicht die Erfahrung machen, daß alles Lernen nichts bringt, und dann die Motivation verlieren weiter zu machen. Wohingegen Schüler, die sich bei einer Arbeit nicht viel Mühe gegeben haben, die aber dennoch auf dem Gymnasium eine Zwei wäre, zu hören bekommen, daß sie mehr leisten können. Oft wird gesagt, daß die Kinder an der Laborschule nicht so viel lernen, wie andere Kinder an einer Regelschule. Das ist falsch. Sie lernen viel mehr, als Kinder, die die Regelschule besuchen. Sie lernen einen respektvollen Umgang mit Anderen, sich Herausforderungen zu stellen, rücksichtsvoll miteinander umzugehen und sich gegenseitig zu helfen. Aber nicht nur das! Sie lernen natürlich auch Rechnen, Lesen, Schreiben, andere Sprachen …. – Immerhin gehen mehr als 50% der Laborschüler nach der Laborschule auf eine gymnasiale Oberstufe. Aber sie lernen es völlig anders. In der Laborschule gibt es in jedem Jahrgang viele Projekte. Die Schüler legen ein Portfolio an, führen Theaterstücke auf, bringen gebundene Bücher mit ihren Arbeiten und kleine Geschichten mit nach Hause.

Das alles verläuft Jahrgangsübergreifend. In der Stufe I (Jahrgang 0-2), sind jeweils 16 Kinder in einer Gruppe. Ab der Stufe II (Jahrgang 3-5) sind es dann 20-22 Schüler pro Gruppe. Der Jahrgang 5 hat Wahlfächer, die mit der Stufe III (Jahrgang 5-7) gemeinsam unterrichtet werden. Und schließlich noch die Stufe IV (Jahrgang 8-10). Noten gibt es erst ab dem Ende des neunten Jahrgangs. Für viele heisst das, daß sie nicht die Möglichkeit haben, die Leistungen ihres Kindes irgendwo einstufen zu können. Das Nachbarskind hat in Mathe eine drei, was hat denn mein Kind? Man fragt sich am Ende des vierten Jahrgangs vielleicht: Auf welche weiterführende Schule würde mein Kind denn kommen, wäre es nicht auf der Laborschule? Das sind Fragen, die offen bleiben. Das ist etwas, womit viele nicht umgehen können. Als Zoe vor den Sommerferien ihr Laborschulzeugnis bekam, war ich ganz gespannt. Das Zeugnis umfasst etwa 14 Seiten, auf denen der Schüler individuell betrachtet wird. Die einzelnen Projekte und Erfahrungsbereiche werden zusammengefasst, und die Leistung des Schülers in einzelnen Bereichen beurteilt. Da kann dann schon mal stehen: “Dein Portfolio hast Du sehr schön gestaltet!”, “Ich war ganz begeistert, wie Du den Konflikt mit Hannes (fiktive Person) gelöst hast.” oder: “Ich würde mir wünschen, wenn Du in den Ferien das MatheStars Arbeitsbuch noch vervollständigst.” 14 Seiten! Wo bitte, erfährt man mehr über die schulischen Leistungen und Entwicklungen seines Kindes? Aber wie gesagt: Damit kommt nicht jeder zurecht. In meiner Familie wird gerne am Ende des Schuljahres geschaut, welche Noten die Kinder haben. Meine Mutter sagte, als sie das Zeugnis von Zoe sah: “Ach, das ist ja gar kein richtiges Zeugnis.” Das sieht Zoe zum Glück anders.

Der Informationsabend war toll. Was Lehrer und Eltern über die Schule zu sagen hatten, war sehr überzeugend. Natürlich ist die Anmeldung für Matilda schon ausgefüllt und zum Glück, kann uns das mit der langen Wartezeit nicht noch einmal passieren. Geschwisterkinder werden bevorzugt aufgenommen. Ich habe es nicht bereut , “Desperate Housewives” zu verpassen (ich hab später einfach die amerikanische Version im Internet geguckt). ;-)

Ein Kommentar zu “Die grosse Frage”

  1. Christiane sagt:

    Selbst wenn nicht jede Schule das alles leisten kann, wäre es doch für alle schön wenn zumindest einige Dinge übernommen würden um Kinder zu stärken. Das scheint ja wohl ohne viel Aufwand möglich zu sein. Lob und positive Bestärkung sollte ja eigentlich von der Schulform unabhängig sein, naja, theoretisch!
    Danke für den ausführlichen Bericht (der ja schon so´n bisschen neidisch macht ;O),
    liebe Grüße,
    Christiane

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