14

Jul

Wir sind raus!

Adieu staatliche Regelschule!

Rückblick:
Wir haben Zoe mit fünf Jahren an der Laborschule* angemeldet. Jedes Jahr werden nur 60 Plätze nach einem bestimmten Aufnahmeschlüssel vergeben, und wir bekamen eine Absage. Also blieb Zoe ein weiteres Jahr im Kinderladen und wurde mit sechs Jahren in der nächstgelegenen Grundschule eingeschult.
Zoe, die bis dahin ein beliebtes und immer fröhliches Kind war, verlor sehr schnell ihre Freude am Unterricht. Nach nur wenigen Tagen sagte sie, daß sie die Schule doof findet. Sie hatte Schwierigkeiten Freunde zu finden. Der Lerndruck, der schon in der Grundschule auf die Kinder ausgeübt wird, blockierte sie so sehr, daß er eher das Gegenteilige bewirkte. Es kam oft vor, daß ich vom Sekretariat angerufen wurde und Zoe mit Bauchschmerzen aus der Schule abholen musste.
In den Herbstferien des zweiten Schuljahres musste ihre Klassenlehrerin wegen der Geburt ihres Kindes gehen und es kam eine neue Klassenlehrerin. Letztere blieb bis zu den Weihnachtsferien und wurde dann strafversetzt. Zwei Monate wurde die Klasse von einer Vertretung unterrichtet und danach bekamen sie endlich eine neue und fähige Klassenlehrerin. Leider hatten diese ständigen Wechsel während eines Schuljahres und die Individualität Zoes zur Folge, daß unsere Tochter freiwillig nach den Osterferien eine Klasse zurückversetzt wurde. Das heisst, sie hatte innerhalb eines Schuljahres fünf verschiedene Klassenlehrer! Und das, wo während der Grundschulzeit ein Lehrer durchgehend eine Klasse begleiten soll.
Nach anfänglichen Schwierigkeiten fand sie sich in der neuen Klasse gut zurecht.
Jetzt, im dritten Schuljahr, hat sie Freundinnen unter ihren Mitschülern und geht wieder gerne zur Schule.
Dennoch hofften wir, daß Zoe einen Nachrückerplatz an der Laborschule erhält. Jedes Jahr hiess es, daß sie auf der Liste sehr weit oben steht, aber die Wahrscheinlichkeit, daß ein Mädchen aus ihrem Jahrgang die Laborschule verlässt und so ein Platz für Zoe frei werden würde, sehr gering sei.
Vor vier Wochen kam endlich der lang ersehnte Anruf. Es wird zum nächsten Schuljahr ein Platz frei und Zoe wurde zur Hospitation eingeladen. Wow! Wir haben uns wahnsinnig gefreut und hofften, daß Zoe es genauso aufnehmen würde. Natürlich sagte sie, daß sie lieber in ihrer jetzigen Schule bleiben will da dort ihre Freunde sind, aber sie wollte sich dennoch die Laborschule ansehen.
Nach dem ersten Tag der Hospitation holten wir sie ab und sie liess es sich nicht nehmen, uns erst einmal den Schulzoo zu zeigen. Meerschweinchen und Kaninchen werden hier von den Schülern betreut, gestreichelt und gepflegt. So etwas erweicht das tierliebende Mädchenherz! Aber trotz des Schulzoos, des schönen Schulhofs und der netten Kinder wollte sie dennoch nicht dorthin.
Am nächsten Morgen sagte sie auf dem Weg zum zweiten Tag der Hospitation zum Papa, daß sie vielleicht doch lieber zur Laborschule gehen möchte. Als wir sie mittags abholten hatte sie ihr strahlendstes Lächeln im Gesicht und sagte, daß sie sich entschieden hätte und die Schule wechseln möchte. Und das, wo sie sich so sehr auf die bevorstehende Klassenfahrt mit der alten Klasse gefreut hatte, an der sie nun nicht mehr teilnehmen kann. Und das, wo sie all ihre Freunde verlassen muss.
Ich bin unsagbar glücklich darüber und stolz auf Zoe, daß sie diesen Schritt wagt.

Heute ist in NRW der letzte Schultag vor den Sommerferien. Zoe hat kleine Frühstückstüten mit Götterspeisebechern gefüllt und sie an ihre Mitschüler verteilt. Die Tüten sind bedruckt mit einem Foto von Zoe und ihrer Telefonnummer, damit auch jeder die Möglichkeit hat sie anzurufen, und sich weiterhin mit ihr verabreden kann.

Die Götterspeise ist bei uns derzeit total angesagt. Nachdem Marc wegen einer Farbstoffunverträglichkeit jahrelang auf diese Leckerei verzichten musste, haben wir nun entdeckt, daß die Farbstoffe durch natürliche Farbstoffe ersetzt wurden. Hurra!

*Die Laborschule ist die Versuchsschule Nordrhein-Westfalens und hat den Auftrag, neue Formen des Lehrens und Lernens und des Zusammenlebens in der Schule zu entwickeln. Sie möchte ein Ort sein, wo Kinder und Jugendliche gern leben und lernen, und das soll, soweit dies möglich und sinnvoll ist, eng aufeinander bezogen sein. Lernen an und aus der Erfahrung, und nicht aus Belehrung.
Die Schule will die Unterschiede zwischen den Kindern bewusst bejahen und als Bereicherung verstehen. Daraus ergibt sich eine weitgehende Individualisierung des Unterrichts, die Rücksicht auf das unterschiedliche Lerntempo der Kinder und ihre individuell verschiedenen Bedürfnisse und Fähigkeiten nimmt.
An der Laborschule werden Schüler der Jahrgänge 0 bis 10 unterrichtet, wobei die Übergänge von einem Jahrgang zum nächsten fließend sind. Es wird nicht nach Jahrgängen unterteilt, sondern nach Stufen, die mehrere Jahrgänge zusammenfassen, sich teilweise überschneiden und altersgemischte Gruppen bilden. Notenzeugnisse werden erst in den Jahrgängen 9 und 10 erteilt. Es gibt keine Hausaufgaben, denn in der Ganztagsschule bleibt genug Zeit um Wissen zu vertiefen. Eine Schulstunde dauert 60 Minuten statt 45, Pausen 30 bis 60 Minuten – Kuscheln mit den Tieren ist ein Pausen-Event. Es gibt kein Sitzenbleiben, keine Zensuren.

9 Kommentare zu “Wir sind raus!”

  1. Christiane sagt:

    Die Schule muss ja wirklich Klasse sein, wenn deine Kleine nach nur zwei Tagegen und dem Weg den sie schon hinter sich hat, freiwillig wechseln möchte. Wäre schön, wenn du demnächst immer mal wieder berichtest, was ihr für Erfahrungen macht. Ich kenne diese Schulform überhaupt nicht, habe aber das Gefühl, dass sie vielen Kindern gut tun würde…
    Gruß,
    Christiane ;O)

  2. jela sagt:

    Oh, habe beim Lesen wirklich Gänsehaut bekommen! Was für ein tolles, starkes Mädchen Zoe doch ist, wirklich klasse! Kompliment.

    Ich bin ja auch starke Befürworterin eines *anderen* Schulsystemes, ich habe jetzt schon grossen Bammel, wie es bei uns in 4 Jahren aussieht.
    Am liebsten wäre uns eine Demokratische Schule (Sudbury), aber hier in Bayern gehen die Uhren in der Hinsicht ja mal ganz anders…:-(

    Wäre toll, wenn Du uns auf dem Laufenden hälst, ob es Zoe gefällt und guttut!

    Liebe Grüsse aus München und wunderbare Ferien!
    Jela

  3. dolores sagt:

    Oh Mann! Was für eine Weg! Was für ein Schritt! Toll, toll, toll!
    Das arme kleine große Kind hier wird heuer im Herbst mit seinen heißen 4 Jahren den dritten Kindergarten besuchen. Nicht weil wir umziehen. Sondern weil die Mutter “nur das Beste will”…
    Angefangen in einem elternverwalteten Kiga, haben wir dann echt wegen Umzugs einen “normalen” gewählt und jetzt geht es wieder zurück in einen elterverwalteten. Der Unterschied ist einfach so grundsätzlich, die Haltung gegenüber den Kindern, aber auch des Personals untereinander….ich bin eigentlich sooo erschüttert, dass überhaupt noch irgendwo eine Betreuungs/Unterrichtsform nach der “alten” Methode geführt wird.
    Und klar – das Kind (das kleine kommt auch mit, ist aber noch zu klein um sich zu beschweren) ist nicht begeistert. Aber ich hoffe sehr, dass sie, nachdem wir jetzt übern Sommer ein paar Mal schnuppern hingehen, auch findet, dass die neue Kindergruppe nett ist….Schulmäßig ist sie gsd schon in einer alternativen angemeldet…..

    Alles alles Gute Eurer Zoe! Und viel Spaß im Götterspeisenbad…;-)))

  4. vintagekids sagt:

    Vielen Dank für Eure netten Kommentare!
    Ich bin mir sicher, daß es viele Kinder gibt, die dem Leistungsdruck in den Grundschulen (der leider immer größer wird) nicht gewachsen sind. Aber diese Kinder haben andere Stärken, und diese sollten gefördert statt unterdrückt werden. Leider ist das auf den staatlichen Regelschulen meist nicht möglich. Das hat zur Folge, daß den Kindern schon in der Grundschule der Unterricht keinen Spaß macht und sie nicht gerne zur Schule gehen. Der Satz “Jetzt geht der Ernst des Lebens los!” kann leider heute schon bedenkenlos zur Einschulung ausgesprochen werden.
    Sehr traurig!

  5. nik sagt:

    Ich habe das gleiche mit meinem zweiten Sohn dieses Jahr erlebt. Vom super gelaunten Kind zum aggressiven und depressiven Wesen. Der Leistungsdruck war beim ihm, im Gegensatz zum großen Bruder total hoch und irgendwann war er wie blockiert und er konnte nichts mehr. Wir haben jetzt eine andere Lösung gefunden. Aber die Laborschule klingt auch super. In welcher Stadt ist die denn? Liebe Grüße, nik

  6. bianca sagt:

    Wow wie toll! Klasse..ich freu mich für jedes Kind, dass die Chance hat in einer gehirngerechteren Lernumgebung sein Leben zu gestalten. Das ist ja wirklich superklasse. Und wie lange Ihr durchhalten mußtet!!Wahnsinn.
    Das erste Schuljahr klingt ja nach Horror pur. Meine Güte.
    Als meine großen Kinder klein waren war ich noch auf dem Stand “Die müssen da durch!” Ich freue mich, dass es heute soooo viele Elter anders sehen.

    Viel Erfolg und noch mehr Spaß wünsche ich Zoe!

    Liebe Grüsse…Bianca

  7. MiMa sagt:

    Oh, das rührt und freu mich sehr für Zoe und auch für euch! Die Angst vor der Schule, wie es funktioniert, wie es dem Kind geht, geht ja schon fast mit bei einer 2jährigen los. Mit deiner Geschichte im Hinterkopf werde ich mich schon mal nach Alternativen umsehen. Bei meinem Großen hat die staatliche Schule auch nicht gerade die Lust am Lernen geweckt. Herzlich, MiMa

  8. […] ja diesen Sommer die Schule. Von der staatlichen Regelschule ging es endlich zur Laborschule. (Hier berichtete ich bereits darüber.) Als ich sie nach einigen Tagen fragte, welche Schule ihr denn nun […]

  9. […] hier und hier von mir berichtet, haben wir Erfahrungen mit einer Regelschule gemacht, die ich keinem […]

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